Wir alle wissen aus eigener Erfahrung, wie gut es sich anfühlt, wenn uns Anerkennung und Achtung entgegengebracht werden. Positive Zuwendung, Lob und Dankbarkeit.

Dennoch scheint Wertschätzung nicht den Stellenwert zu haben, der ihr zukommt. Und gerade in diesen Pandemiezeiten ist Wertschätzung wichtiger denn je. Im Alltag, am Arbeitsplatz, im Umgang miteinander. An Publikationen zum Thema mangelt es nicht. Und häufig beschäftigen sich Personalentwickler, Trainer und Psychologen damit.

Ein Autor, den man nicht sofort mit dem Thema in Zusammenhang bringt, hat auf kluge Weise wichtige Facetten beleuchtet. Auch weil er erst kürzlich im Spiegel über kriminelle Psychopathen gesprochen hat. In Deutschland ist er vielen Experten ein Begriff. Reinhard Haller ist ein äußerst erfahrener und angesehener Psychiater, Therapeut und Neurologe. Und gleichzeitig ein äußerst ambitionierter Autor. Gutachter von spektakulären Kriminalfällen und Serienmördern wie Jack Unterweger. Da klingt es eben überraschend, wenn sich jemand der sich jahrzehntelang mit psychischen Erkrankungen und der Macht der Kränkung befasst hat, ein Buch über das Wunder der Wertschätzung schreibt.

Genau das hat Haller getan und Wertschätzung als Schlüssel für mehr Ausstrahlung, Selbstbewusstsein und ein besseres Miteinander identifiziert. Sein Motto: wie wir andere stark machen und dabei selbst stärker werden. Ein Programm im Alltag und für die Arbeitswelt.

Vielleicht ist Reinhard Haller gerade deshalb der Richtige, um tiefgründig und ausgiebig über Wertschätzung zu schreiben. Besonders deshalb, weil sich Haller gut mit Kränkungen auskennt. Der renommierte österreichische Gerichtspsychiater hat sich intensiv mit den Ursachen und Folgen von Demütigungen beschäftigt.

Wissenschaftler wie Haller studieren, welche Motive zu Morden oder Brandstiftungen führen. Auch, wie es zum Abbau von Beziehungen, Familientragödien oder Racheakten kommt. Alles auch Gründe für internationale Konflikte, Terroranschläge und Amokläufe.

Da stellt sich besonders die Frage, die er stellt, wie man die eigenen Ressourcen stärkt, wenn der Selbstwert außer Kontrolle gerät. Wie kann Wertschätzung zu einer Haltung werden?

Dafür bietet Haller seine sieben Stufen der Wertschätzung an:

Achtsamkeit

Respekt/Achtung

Anerkennung

Wertschätzung

Vertrauen

Das Fundament, auf dem alles aufbaut, seien Aufmerksamkeit und Beachtung. „Manche Menschen tun sehr viel, um Aufmerksamkeit zu bekommen.… Hinter allem steht der Wunsch, beachtet, wahrgenommen, geschätzt, bewundert und letztlich geliebt zu werden.“

Wichtige Hinweise, auch für Führungskräfte im Arbeitsleben, bietet so sein Kapitel zur Psychologie des Lobens und Dankens. „Lob motiviert, ruft Zufriedenheit und Stolz hervor und stärkt das Selbstvertrauen.“  

Impulse, wie Wertschätzung im Alltag umsetzbar ist. In seiner kleinen Abhandlung zum Betriebsklima wird ein Wertschätzungsdefizit als Stressor ersten Ranges dargestellt. In seinen Hinweisen zum Thema Mobbing beschreibt er den klassischen Mobber als an Über- oder Unterforderung, an Minderwertigkeitsgefühlen und Identitätsproblemen leidenden Täter. In der Führungskraft als Vorbild sieht er eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung einer Wertschätzungs-kultur in einem Unternehmen.

Wertschätzung, das wahre Wunder bewirkt. Wertschätzung aktiviere unser Belohnungszentrum im Gehirn und hemmt das Angstzentrum. In kürzester Zeit entfalten sich Kreativität, Motivation und Beziehungsfähigkeit. Wenn das nachhaltig geschieht, könnte es gar Persönlichkeiten positiv verändern. Für Haller ist Wertschätzung eine Wundermedizin, in der Beziehung ebenso wie im Berufsleben. In seinem rund 200-seitigen Buch beschreibt er praktische Impulse für eine wertschätzende Grundhaltung. Nach seinem Motto: andere stark machen und dabei selbst stärker werden.

Prof. Dr. Reinhard Haller

Das Wunder der Wertschätzung

Verlag GU, 2019